03.06.2026
Die Frau an der Spitze der Kirche in Weimar, Apolda und Buttstädt: „wir werden nie unpolitisch sein“
Interview mit Superintendentin Dr. Constance Hartung und Victoria Augner von der TLZ
Wie haben Sie die Monate seit Ihrer Wahl zur Superintendentin im Oktober erlebt?
Es ist aufregend gewesen. Mir ist bewusst geworden, dass die Strukturen dieser zusammengelegten Kirchenkreise von beiden Seiten betrachtet werden müssen. Ich war neugierig auf die neuen Aufgaben, wollte aber erst einmal meine Arbeit als Studierendenpfarrerin in Jena abschließen und bis zum Ende des Semesters noch dort arbeiten. In der Zwischenzeit hat der Prozess der Kirchenkreisfusion in den Händen der Menschen der Kreissynode gelegen. Zum 1. Mai habe ich die Verantwortung übernommen. Seither beobachte ich, höre ich viel zu und lerne viele Menschen kennen. Direkt mit nur neuen Ideen hineinzustarten, ist aber nicht klug, glaube ich. Ich schaue zunächst, was möglich ist.
Warum haben Sie sich auf die Stelle beworben?
Ich habe mich ganz bewusst auf diese Stelle eines neuen Kirchenkreises beworben. Mich hätte es nicht gereizt, in einem bestehenden Kirchenkreis die Nachfolge zu übernehmen. Was mich wirklich an der Aufgabe reizt, ist das Strukturieren. Ich will schauen, wo sich Synergieeffekte ergeben. Ich möchte ein Netzwerk entwickeln, das die hilfreichen Strukturen, die schon dagewesen sind, stärkt, und neue Strukturen aufbaut. Dafür bringe ich die Erfahrung mit, sowohl auf dem Land Pastorin gewesen zu sein als auch in der Stadt. Das passt einerseits gut zu Weimar, andererseits gut zu den ländlichen Räumen um Weimar, Apolda und Buttstädt herum.
Was wollen Sie konkret umstrukturieren?Etwas, was gerade neu strukturiert wird, ist das Büro des Kirchenkreises. Aus zuvor zwei Standorten wird einer am Herderplatz in Weimar. Und die Menschen, die zuvor vielleicht ganz unterschiedlich gearbeitet haben, müssen jetzt zusammenfinden. Doch ich habe hier im Büro wie auch im Kirchenkreis ein ganz herzliches Willkommen erlebt. Dafür bin ich dankbar, dass nicht alles vom 1. Mai an reibungslos funktioniert, war klar. Wir müssen uns da auch Zeit geben, gegenseitig.
Wie haben Sie die Entwicklungen in der Kirche in den vergangenen Jahren beobachtet?Man kann zunächst sachlich sagen: Die Kirche verliert Mitglieder, die Gelder werden weniger und das gesellschaftliche Klima rauer. Und wir haben mit Menschen zu tun, die schon seit mehreren Generationen keine Berührungspunkte mehr mit der Kirche haben. Das kann man alles als negative Entwicklung sehen, aber das bringt uns nicht weiter. Ich habe aber auch erlebt, dass sich viele engagierte Menschen eingebracht haben, und dafür bin ich dankbar. Für mich ist es ein Hoffnungsmoment, wenn Menschen sagen: Auch wenn es schwer wird, bleibe ich dran. Wir können uns natürlich nicht herausreden, wenn uns an einigen Stellen die Gelder und die Kräfte fehlen. Wir als Kirche leben davon, dass wir für Menschen da sind, erreichbar sind. Wir sind Menschen, die von einer Hoffnung erzählen dürfen. Und ich ziehe große Kraft aus dieser Hoffnung. Ich vertraue einfach darauf, dass Gott etwas Gutes mit dieser Welt vorhat.
Zwischen Weimar, Apolda und Buttstädt werden Sie dann viel unterwegs sein. Wie kann das gelingen?Vieles läuft über das Superintendenturbüro hier in Weimar, doch mein Wunsch ist es auch, unterwegs zu sein, um die Menschen vor Ort zu sehen. Nicht nur am Herderplatz in Weimar möchte ich erreichbar sein, wenn es ein Problem gibt. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass alles drumherum vergessen ist. Ich werde in die Gottesdienste kommen, um die Menschen zu erleben und mit ihnen zu gestalten. Wie viele Termine mein Kalender zulässt, das wird sich noch zeigen. Doch ich gehe davon aus, auch viel unterwegs zu sein.
Sie waren zuletzt Studierendenpfarrerin in Jena. Hat Ihre Arbeit mit jüngeren Gläubigen Ihre Perspektive auf den Job geändert?Ich bin sehr dankbar, für die jungen Leute, die ich dort kennengelernt habe. Und ich muss ganz ehrlich sagen, das ist eine Gemeinde, zu der auch einigen Menschen gehören, die zuvor nichts mit der Kirche zu tun hatten. Die dort einfach nette junge Leute treffen wollten. Das hat mich total motiviert. Wir müssen uns daran ein Beispiel nehmen, dass es solche Gemeinden gibt, die sich so bunt zusammensetzen. Das passiert in ganz vielen Gemeinden ohnehin schon, und ich will jetzt nicht das Rad neu erfinden. Aber ich war mit diesen Menschen viel unterwegs – wir pilgerten zusammen, fuhren Kanu – und ich habe erlebt, wie diese Gemeinschaft näher zusammengerückt ist. Diese Leute waren einfach unheimlich neugierig und das bin ich auch.
Sie sind die erste Frau an der Spitze eines Weimarer Kirchenkreises. Was halten Sie davon, dass das 2026 noch ein Novum ist?Ich weiß, das wird immer wieder angesprochen. Klar, ich bin eine Frau, aber ich habe einen Leitungsstil, der Constance Hartung ist und nicht typisch weiblich. Was ist das überhaupt? In der Landeskirche habe ich erlebt, dass viele Frauen leitende Positionen eingenommen haben. Wir hatten eine Landesbischöfin, wir haben Dezernentinnen. Für mich ist das total normal. Natürlich, historisch gesehen waren es trotzdem deutlich mehr Männer und manche Landeskirchen geben in Bezug auf Gleichstellung ein ganz anderes Bild ab. Ich jedenfalls gehe diese Stelle als Constance Hartung an, und ob ich dabei irgendeinen weiblichen Aspekt setze, werde ich sehen.
Im aktuellen Gemeindebrief stellen Sie sich vor und danken unter anderem Ihrer Partnerin. Auch das ist ein Novum in Ihrer Position. Gab es darauf Reaktionen?Ich habe von Anfang an offen darüber gesprochen, aber ich trage es auch nicht vor mir her. Im besten Fall, denke ich, gibt es darauf keine Reaktionen. Ich verrichte hier meine Arbeit und ich habe ein Privatleben, das mir Stärke gibt – fertig.
Bereitet Ihnen das politische Klima in Thüringen Sorgen?Als Kirche müssen wir uns bewusst machen: Unser Evangelium ist politisch. Wir werden nie unpolitisch sein. Aber die Frage ist, ob wir parteipolitisch agieren oder ob wir klare Botschaften an erste Stelle setzen, ohne für eine Partei zu werben. Wir sollten nicht sagen, wir sind der Meinung von Partei XY, sondern sollten mit unseren Positionen vorangehen und unsere Prioritäten hochhalten: Frieden, die Bewahrung der Schöpfung und Nächstenliebe. Daran sollten wir jedes Parteiprogramm messen. Natürlich gehe ich auch davon aus, dass in unserer Gemeinde Menschen sitzen, die eine Partei wählen, deren Landesverband als rechtsextrem eingestuft wird. Darüber müssen wir ins Gespräch kommen, aber das ist in Dörfern, wo jeder jeden kennt, noch einmal anders, als in der Stadt. Klar ist, wer ein Kirchenamt bekleidet, darf keine AfD-Mitgliedschaft haben. Das ist unvereinbar. Dennoch müssen wir mit allen Menschen in Kontakt bleiben, das ist unser aller Verantwortung. Wir bemerken diese gesellschaftliche Zersplitterung wirklich sehr stark.
Was können wir dagegen tun?Leider reden wir zu wenig von der Hoffnung. Lasst uns doch lieber am Tisch so lang streiten, bis wir etwas herausgefunden haben. Das darf auch heftiger Streit sein, nicht verletzend, aber in der Sache hart. Wenn wir dem aus dem Weg gehen, geht es schief. Kirche ist ein Barometer für Diskussionen und Konflikte. Aber Kirche gibt ist auch die Möglichkeit für Menschen unterschiedlichster Couleur, sich zu versammeln. Denn auch wenn sie sich nicht einig sind, haben sie eine gemeinsame Hoffnung. Kirche ist ein Resonanzraum der Hoffnung. Darauf sollten wir den Blick mehr lenken.