Bild und Bibel

"Einzigartige Einblicke" Projekt im Evang.-Luth. Kirchenkreis Weimar zum Themenjahr 2015: Reformation - Bild und Bibel 

Anlässlich des 500. Geburtstages Lucas Cranachs d. J. kommt die Kunst der Reformationszeit in den Blick. Die Reformation war auch eine Medienrevolution. Eine neue Wort- und Bildsprache entstand. Welche Bilder findet der Glaube heute und wie wird diese Botschaft durch Medien, Bild und Sprache vermittelt?

Diesen Fragen spüren die Gemeinden im Kirchenkreis Weimar nach und finden in ihren nahezu 100 Gotteshäusern zahlreiche biblische Darstellung. Diese Darstellungen sollen nun der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden. Während des ganzen Themenjahres erscheinen zu Bibeltexten der Sonntage im Kirchenjahr ein Kunstwerk aus einer der Kirchen, verbunden mit einer Textmeditation.

Die verschiedenen Gemeindegruppen freuen sich darauf, sich mit den biblischen Texten zu den Kunstwerken in ihren Kirchen in vielfältiger Weise auseinanderzusetzen. Diese unmittelbare Berührung mit der Kunstgütern im Kirchenraum ermöglicht Erfahrungen, die der Bewahrung unseres Kunstguterbes dienen kann. Es eröffnet aber auch Möglichkeiten, das Verständnis des Neuen zu fördern. Am Ende des Themenjahres soll ein kleines Werk mit der Sammlung der Bilder und der Texte entstehen.

16. Sonntag nach Trinitatis

Bibeltext: Johannes 11, 1 (2) 3.17-27.41-45

Die Auferweckung des Lazarus

Bild: Agnes-Epitaph, Stadtkirche St. Peter und Paul, Weimar


Die biblische Geschichte der Auferweckung des Lazarus von den Toten ist auf der obersten Tafel des Epitaphs der Agnes in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul zu sehen. Wir sehen Lazarus aufgerichtet im Grab, seine Leichentücher werden ihm gerade abgenommen. Jesus und zwei Frauen, vermutlich Lazarus‘ Schwestern Marta und Maria, sind zu erkennen. Eine Gruppe Menschen steht um das offene Grab und im Hintergrund.
Doch um was geht es in der biblischen Geschichte? Lazarus liegt krank darnieder. Seine Schwestern Marta und Maria lassen nach Jesus schicken. Sie verbinden damit die Hoffnung, dass Jesus ihren Bruder heilt. Die Beziehung zwischen Jesus und den dreien schien eng, sie waren befreundet. Doch Jesus lässt sich Zeit, um nach Betanien zu kommen. Als er endlich kommt, ist Lazarus schon verstorben und vier Tage begraben. Trauer und Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen bestimmen die Szene. "Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben" ist der Vorwurf der Schwestern an Jesus. Eindrücklich und dramatisch ist schließlich die Auferweckung des Lazarus beschrieben.
Diese biblische Geschichte aus dem Johannes-Evangelium ist für uns schon eine Herausforderung. Einen Verstorbenen, der längst bestattet ist, zurück ins irdische Leben zu holen, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Es ist unmöglich. Die Einordnung fällt uns vielleicht leichter, wenn wir sie als Darstellung auf dem Grabmal der Agnes sehen. Schließlich haben Christen die Hoffnung auf die eigene Auferstehung nach dem Tod. Das glaubt auch Marta in der biblischen Geschichte. So bekennen es Christen im Glaubensbekenntnis.
Doch es geht auch um etwas anderes. Jesus will an der Auferweckung des Lazarus etwas verdeutlichen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Gespräch zwischen Jesus und Marta. Er spricht: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben." (Joh. 11, 25-26) Diesen mächtigen Worten schiebt Jesus eine einfache und zugleich tiefgreifende Frage hinterher. "Glaubst du das?"
Für uns Christen kann es in der heutigen Zeit durchaus herausfordernd sein, an Jesus Christus zu glauben und auf sein Heilsversprechen zu vertrauen, ohne dass wir unmittelbare Zeugen seines irdischen Wirkens wurden. Aber auch wir können uns angesprochen fühlen von Jesu Aussage "Ich bin die Auferstehung und das Leben". Diese Worte können uns als Fixstern dienen, auf die wir uns immer wieder ausrichten können. Wir dürfen uns dazu einladen lassen, die biblischen Geschichten über ihn auf uns und in uns wirken zu lassen. Auch wir können oder müssen uns immer wieder fragen lassen: "Glaubst Du das?"
Indem wir uns auf diese Frage einlassen, treten wir ein in eine Beziehung zu Jesus Christus. Wir dürfen wie Marta all unsere Zweifel, unseren Schmerz, unsere Fragen in diese Beziehung einbringen - "Jesus, wenn du nur da gewesen wärst, dann…". Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass unser Glaube keine Einbahnstraße ist. Jesus ist die Auferstehung und das Leben. Und beides findet schon im Hier und Heute statt. Auferstehung beginnt schon jetzt, indem wir uns von Strukturen, Bindungen oder Verhaltensweisen lösen, die nicht gut für uns sind. Das Leben, nach dem wir uns vielleicht sehnen, kann schon im Diesseits beginnen und im Jenseits Vollendung finden.
An einer anderen Stelle im Johannes-Evangelium spricht Jesus zum zweifelnden Jünger Thomas: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." (Joh. 20, 29). In diesem Sinne können wir auf das Wirken Gottes in uns und auf seine Herrlichkeit vertrauen.

André Poppowitsch

6. Sonntag nach Trinitatis

Bibeltext: Matthäus 28, 16-20
Bild: Taufengel in der Kirche in Schwerstedt, 18. Jhd.
Fotos: Ulrike Behr








Von diesem Taufengel aus dem 18. Jahrhundert in der Rokoko-Kirche in Schwerstedt (Postleitzahl 99439)ist nicht mehr viel übrig geblieben: Er hat eingebüßt, was ihn in den Augen vieler Menschen zu einem Engel macht: seine Flügel. Dass er einmal wirklich welche gehabt hat, zeigt ein kleiner Rest auf seinem linken Schulterblatt, mehr noch der Rundhaken unterhalb der Taille am Rücken, an dem er in besseren Zeiten an einem Seil im Chorraum hing. Man kann es sich heute kaum vorstellen, dass im 18. Jahrhundert die Kirchen mit Besuchern zum Gottesdienst so gestopft voll gewesen sein sollen, dass die Einrichtung hochziehbarer Engel erfunden wurde, um Platz zu sparen. Ein Taufengel, der bei einer Taufe sozusagen aus dem Himmel herabgelassen wird, eignet sich auch als Zeichen göttlicher Gnade. Er versinnbildlicht der Gemeinde, dass zur Taufe zwar die Entscheidung des Täuflings (oder seiner Eltern) für Gott gehört, aber mindestens ebenso sehr die Gnade Gottes, der sich in der Taufe dem Täufling auf immer von oben her zuwendet. Der Rahmen für die Taufschale, den der Taufengel bereitgehalten hat, ist leider verloren. - Ob es deshalb in Schwerstedt noch ein zweites hölzernes Taufgestell gibt, auch aus dem 18. Jahrhundert?
 
Mit dem Rahmen für die Schale sind auch Arme und Hände verschwunden. Ist der Engel jetzt "behindert"? Die Schäden seines Körpers sind schon traurig anzuschauen, andererseits fasziniert mich seine jetzige Gestalt als behinderter Engel. Seine vielfache Behinderung kann ihm seine Bestimmung als Engel nicht nehmen. Er ist immer noch da als Engel. Seine Haltung drückt Dienstbarkeit aus. Er sieht uns dabei mit erhobenem Kopf an. Den sogenannten Taufbefehl Jesu, der am 6. Sonntag nach Trinitatis als Evangelium gelesen wird, kann man sich aus seinem Mund vorstellen. - Ich weiß nicht, wie viele Jahre dieser Taufengel, als unansehnlich und unbrauchbar ausrangiert, auf dem Dachboden der Kirche gelegen ist, weil nämlich auch sein linkes Bein abgebrochen ist und er das Gleichgewicht nicht halten kann.
 
Ein beherzter Kirchenältester hat ihn eines Tages einfach, ohne zu fragen, ob das auch recht sei, auf das Rollengestell eines ausgedienten Bürostuhls gesetzt, ganz schön dreist, ja, aber seither hat der Engel wieder zu den Menschen in der Kirche zurückgefunden. Er steht mitten im Chorraum der Kirche. Er blickt uns als Besucher an, lässt sich hin- und herbewegen und hat uns sein Anliegen, unserer eigenen und anderer Leute Taufe zu gedenken, ganz unkompliziert wieder nah gebracht.
 
Ulrike Behr
 

Trinitatis

Bibeltext: Johannes 3,1-15
Bild: Nikodemus, Kirche Sankt Johannes Baptista in Ramsla,
Foto: Helke Günther, Ramsla

Dieses Doppelportrait von Nikodemus und Jesus sieht in der immer dunklen Kirche von Ramsla ohne Extrabeleuchtung nahezu schwarz aus. Das passt zur Szenerie: Der Pharisäer Nikodemus, "einer von den Oberen der Juden" kommt bei Nacht zu Jesus. Nicht dass es ein akuter Notfall wäre, der ihn zu ihm getrieben hätte, eher schon allgemeine Neugier und Forscherdrang, aber auch die Absicht, im Geheimen zu operieren, im Schutz der Nacht, denn die Sache mit Jesus ist ihm gar zu mysteriös. Er möchte bei Tag wohl eher nicht mit ihm zusammen gesehen werden, jedenfalls nicht von seinesgleichen. Nachts, wenn der gewöhnliche Alltagsbetrieb still steht, wenn er vielleicht nicht schlafen kann und seine Gedanken um existentielle Probleme kreisen, wagt er das Ungewöhnliche und sucht Jesus auf. Er fällt gleich mit der Tür ins Haus: "Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm" (Vers 2).
 
Der Maler konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, dass Jesus nachts noch unterwegs gewesen sein könnte, und hat ihn in einer Art Wohnzimmer gemalt. Von diesem Ambiente steht nichts in der Bibel. Vielleicht fand das Gespräch zwischen Nikodemus und Jesus draußen statt. Mit der häuslichen Umgebung betont der Maler, dass Nikodemus Jesus ganz absichtlich treffen wollte. - Andererseits hat der Maler Nikodemus so aufrecht und herrschaftlich ins Bild gesetzt, als sei er der fast abwehrende Hausherr hier im Raum und Jesus ein ungebetener, ängstlicher Besucher, dem er auf der Stuhlkante Platz zu nehmen erlaubt hat. Wie ein schüchterner Schüler hält Jesus in unfreier, fast Schuld zugestehender Geste die Hand vor die Brust. Nikodemus zeigt auf Jesus, als richte er eine Pistole auf ihn oder als weise er ihn scharf zurecht: Du bist nicht so, wie ich mir das vorstelle! Erkläre dich gefälligst!
 
Die Haltung von Nikodemus zeigt deutlich, dass er Jesus durchaus nicht als Meister und Lehrer akzeptiert. - Was unterscheidet die beiden? Nikodemus thront im Bewusstsein seiner Rechtschaffenheit, fühlt sich aber irritiert von Jesus, dem der Maler hier ein leuchtend rotes Gewand umgehängt hat: Rot als Zeichen königlicher Macht und der Liebe, getragen von einem schmächtigen Jüngling, der von einem total verstaubt wirkenden und farblich verblichenen Würdenträger herausgefordert wird.
 
Nikodemus ist in seinem ganzen Habitus um Ernst und Würde bemüht, macht sich aber beinahe lächerlich, als er fragt: "Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?" (Vers 4). Nikodemus ist in seinem Denken naiv auf den Buchstabensinn von allem, was gesagt wird, fixiert. Diese Denkmethode ist nicht geeignet, etwas "von himmlischen Dingen" zu verstehen, nicht einmal "von irdischen Dingen" (Vers 12). Es ist Nikodemus also nicht möglich, Jesus als den zu erkennen, "der vom Himmel herabgekommen ist" (Vers 13). Die Geschichte endet damit, dass Nikodemus in seiner Starre verharrt.
 
Später hat Nikodemus zwar noch gelegentliche Berührungspunkte mit Jesus. Das Johannesevangelium erzählt, er habe sich einmal in einem Streit für eine faire Behandlung Jesu eingesetzt (Joh 7,51) und nach Jesu Tod habe er eine Unmenge Geld ausgegeben, um Jesu Leichnam zu salben (vgl. Joh 19,39). Die Sache Jesu ließ Nikodemus also nie los. Aber wirklich gepackt war er auch nicht von ihr. Unter den Namen der Osterzeugen wird seiner nicht erwähnt. Insofern steht er für all die Unentschiedenen, die Zeit ihres Lebens nicht recht wissen, was sie von Jesus halten sollen.
 
Ulrike Behr


Ostersonntag

Bibeltext: Markus 16, 1-8
Bild: Emporenbild St.Wigbertikirche Niederzimmern 1. Hälfte des 17. Jhd.
Foto: Konrad Behr

Der Ostermorgen ist kein fröhlicher Tag für die drei Frauen. Sie machen sich auf und besorgen Salben und Öle, denn am Sabbat war dies nicht möglich. Sie haben nur ein Ziel; so schnell als möglich wollen sie Jesus noch die letzte Ehre erweisen, wer soll es denn sonst machen.
Es ist schon eigenartig, dass sich nicht die Jünger versammelt und gemeinsam den letzten Gang zum Grab zelebriert haben.
Die Frauen sind anders. Sie wissen was getan werden muss. Und sie wollen es Jesus zuliebe gerne tun. Deshalb sind sie auch völlig unlogisch.
Der Leichnam hätte gleich einbalsamiert werden müssen, nach zwei Tagen, was soll das?
Und wenn sie sich schon aufmachen, dann hätten sie doch vorher daran denken müssen, dass der Stein groß und schwer ist und man ihn vom Grab wegwälzen muss.
Wer trauert, wer so gefangen ist von einem Erlebnis, der denkt nicht viel nach, der muss handeln. Sie wollen Jesus wenigstens die letzte Ehre erweisen und sparen weder Zeit noch Mühe. Um Jesus geht es in dem Moment gar nicht, sondern um den Stein, um die Balsamierung, die Erinnerung. Eben um das, was man tut, um mit dem Tod fertig zu werden.
Die Frauen denken ans Steinewälzen, daran, dass sie wieder ein Problem haben, dass sie bewältigen müssen. Und der Stein war groß, wird uns gesagt.
Die Frauen kehren nicht um, um jemanden zu holen, der ihnen hilft. Sie sind sich sicher, dass sie auch dieses Problem meistern werden, so wie sie vorher die Salben bekommen haben und so, wie sie sich instinktiv aufgemacht haben und beschlossen haben, dass Jesus gesalbt werden muss.
Der Stein ist weg. Das Problem der Frauen gelöst, vorläufig.
Die Ostergeschichte nimmt ihren Lauf; wir kennen sie ja. Das Grab ist leer, der Engel verkündet: Christ ist erstanden.
Der Stein ist weg, das Grab ist leer. Die Sonne leuchtet. Keine Freude. Ein Ende mit Schrecken?
Die Frauen lassen sich die Botschaft des Engels gefallen, aber sie geraten in Entsetzen.
Das, was sie wenigstens für Jesus tun wollten, soll nicht möglich sein? Sie sind entsetzt.
Wenn wir ihm schon nicht die letzte Ehre erweisen können, was denn dann?
Scheinbar hören sie die Botschaft gar nicht. Er ist auferweckt, auferstanden von den Toten.
Oder wollen sie es nicht hören? Ist es zu viel an diesem Morgen?
Die Frauen sind entsetzt, sie können nichts mehr fassen. Sie suchen Jesus bei den Toten und er ist nicht da.
Die Frauen fliehen vom Grab, sie hat Entsetzen und Zittern ergriffen, sie laufen davon — aber sie laufen, sie haben schon eine neue Richtung eingeschlagen.
Der Schreck, den sie haben, der ist begreiflich.
Die Frauen wissen auf einmal: Dieses heimlich, mühevoll errungene Arrangement mit dem Tod im Leben, wie es nun einmal ist, gilt nicht mehr: Mein Grab ist leer. Ich hab dort nichts mehr zu suchen. Zulange bin ich dem Tod hinterhergelaufen.

Thomas Behr


Osternacht

Bibeltext: Matthäus 28, 1-10
Bild: Emporenbild St.Wigbertikirche Niederzimmern 1. Hälfte des 17. Jhd.
Foto: Konrad Behr

Zur Osternacht in Niederzimmern sitzen die Besucher in einer dunklen Kirche, nur mit Kerzen in der Hand. Wenn der Bürgermeister mit seiner vollen Stimme gesungen hat: »Christus ist auferstanden!«, wird es hell. Über diesem Bild hängt jedoch noch die dunkle Nacht des Todes. Zwei der drei Männer, die das Grab Jesu bewachen sollen, stürzen zu Boden, einer kann sich noch aufrecht halten, sucht aber schleunigst das Weite. Was ist passiert?

Das Matthäusevangelium erzählt es so: "Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot."

Was wir als Betrachter des Bildes sehen können, entspricht dem Text nur halb. Statt des weiß blitzenden Engels ist Christus zu sehen, wie er eine rote Fahne schwingt. Sie ist Zeichen seines Sieges über den Tod. Sie ist rot wie das am Kreuz vergossene Blut oder rot wie die Liebe, die der Grund dafür war, dass Gott seinen einzigen Sohn gab. Ein wenig erinnert mich diese wallende Fahne auch an das Tuch eines Toreros, als drücke sie Kampfbereitschaft aus, ein Sich-nicht unterkriegen-Lassen von dunklen Mächten, die sich in diesem Bild in dem düster-wolkigen Hintergrund abbilden könnten. Ein strahlender Sieg, wie ihn das Matthäusevangelium mit dem blitzenden, weißen Engel beschreibt, ist hier jedenfalls nicht sichtbar. Auch ist Christus selber von schmächtiger Gestalt, klein und dünn, und dennoch haben die Wachen Angst vor ihm.

Mit diesem Bild ist es ein bisschen wie mit dem Reich Gottes:
Es hat schon angefangen, ist aber noch nicht voll da. Ostern hat auf diesem Bild auch angefangen mit der Erscheinung des Auferstandenen, der lebendig aussieht und aller Erdenschwere enthoben scheint. Aber froh und glücklich über diese Erscheinung ist hier noch keiner.

Ulrike Behr


Karfreitag

Bibeltext: Johannes 19, 16-30
Bild:  Glasfenster in der Kapelle im Sophien- und Hufeland-Klinikum, Weimar
Foto: Doreen Fritsch-Päsel

Hier wird die Tür nicht abgeschlossen. Hierhin kann jede(r) kommen. Hier kann in Ruhe nachgedacht und gebetet werden. Hier - das ist die Kapelle des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar. Der etwas verwinkelte Raum im Eingangsbereich verbindet Tradition und Modere. So finden sich unter anderem sowohl ein futuristisch anmutender Altar als auch Glasfenster, die aus dem abgerissenen Krankenhausgebäude des Sophienhauses stammen. Die vier Fenster bieten einen Gang durch das Kirchenjahr von Weihnachten über Karfreitag, Ostern und Pfingsten durch stilisierte Symbole. Sie stammen aus dem Jahr 1967, wurden in Leipzig von J. Hellgrewe entworfen und in der Weimarer Werkstatt für Glasmalerei von E. Kraus gefertigt. Im Gegensatz zu heute waren es damals tatsächlich Fenster, die man öffnen konnte und durch die Tageslicht fiel. Eingebaut waren sie im Flur auf einer chirurgischen Station über dem OP, wo auch die sonntäglichen Gottesdienste statt fanden. Ein fahrbarer Altar wurde zu diesem Zweck herangerollt, Stühle gestellt, es gab eine kleine Orgel und die Fenster wurden geschlossen. So hatte man auch etwas zum Betrachten vor Augen.
Das zum Karfreitag gehörende Glasfenster zeigt eine Dornenkrone mit dem Kreuz in der Mitte.
Im Johannesevangelium wird ebenso wie bei Matthäus und Markus erzählt, dass die Soldaten nachdem Pilatus Jesus an sie übergeben hatte, ihm einen Purpurmantel anlegten, ein Rohr in die Hand drückten (Matthäus und Markus) und eine Dornenkrone flochten und ihm auf den Kopf setzten. So bekleidet und gekrönt verspotteten sie ihn, indem sie vor ihm nieder fielen, ihn als König ansprachen, das Rohr aus der Hand nahmen und ihn damit auf den Kopf schlugen. Vor der Kreuzigung wurde ihm der Mantel wieder abgenommen und ihm - vorerst - seine eigenen Kleidung zurück gegeben. Die Dornenkrone blieb und so zeigen die Darstellungen des Gekreuzigten ihn meist mit Dornenkrone. Von welcher Pflanze die die dornigen und in die Haust schmerzhaft einschneidenden Zweige stammen, ist nicht sicher. Eine Möglichkeit ist der Christusdorn, eine Pflanze, die man übrigens bis heute unter diesem Namen in Blumengeschäften kaufen kann.
"Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch!" schreibt Johannes (19, 5). Wer in der Klinikskapelle sitzt und mitunter ganz sorgenvollen Gedanken nachgeht, für den oder die mag die Dornenkrone vielleicht Bild auch für ihr Leid sein. Egal wie alt, wie schwach, wie krank, wie hilflos - es sind Menschen, um die es in diesem Haus geht. Jesus am Kreuz, bekrönt mit einer Dornenkrone, ist gerade ihnen besonders nahe.

Babet Lehmann

Gründonnerstag

Bibeltext: Johannes 13, 1-15
Bild: Emporenbild St.Wigbertikirche Niederzimmern 1. Hälfte des 17. Jhd.
Foto: Konrad Behr

Dieses Emporenbild zeigt eine Fußwaschung. Die synoptischen Evangelien (Markus, Lukas, Matthäus) erzählen, Jesus habe zu Beginn des Passafestes, also am ersten Abend, das Mahl in besonderer Form und mit besonderen Worten mit seinen Jüngern gefeiert. Man spricht hier von der »Einsetzung des Abendmahls«. Davon weiß das Johannesevangelium nichts. Dafür erzählt es als einziges der vier Evangelien, dass Jesus am Tag vor dem Passafest abends während des Mahles aufgestanden sei, um Petrus und allen anderen Jüngern, also auch Judas, beispielhaft die Füße zu waschen.

Schade, dass der Maler Petrus und nicht Judas hier in Szene gesetzt hat. Dass es Petrus und kein anderer Jünger ist, erkennt der Betrachter vor Ort an derselben Kleidung, die Petrus hier und auf dem Abendmahlsbild (links neben diesem Bild in der Kirche) trägt. Außerdem tippt sich der Bediente hier mit dem Finger an die Stirn. Der Maler hat also den Moment festgehalten, in dem Petrus Jesus darum bittet, ihn ganz zu waschen, d. h. "auch die Hände und das Haupt", aber Jesus lehnt ab. Er lehrt mit erhobenem Zeigefinger, es genüge, wenn er die Füße wasche, dann sei der ganze Mensch "rein". Das allerdings gelte nicht für Judas. Ich wundere mich, warum hier keiner der Jünger nachgefragt hat.

Petrus müsste eigentlich doch auch »der Kopf gewaschen werden«, finde ich. Er sollte schneller begreifen, was es bedeutete, dass ihm von Jesus die Füße gewaschen wurden.

Fußwaschung symbolisiert bei Jesus die Umkehrung der üblichen Verhältnisse: Der Herr bedient den Knecht, der Chef den kleinen Mitarbeiter, der Hochgestellte den Niedrigen, der Promi den Nobody. Petrus begriff es nicht, als es ihm geschah. Jesus hatte, bevor er ihm die Füße wusch, erklärt: "Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren."

Dem anderen die Füße zu waschen, war im alten Orient eine allgemein übliche Sitte, um Hochachtung und Wertschätzung zu zeigen. Der Gastgeber wusch dem Gast die Füße. Man saß ja auch nicht zu Tisch wie heute, sondern lag normalerweise zu Tisch und wollte als Teilnehmer einer geselligen Runde sicher nicht die staubigen und verklebten Füße seines Nachbarn vor dem eigenen Gesicht haben.

Aus dieser allgemeinen altorientalischen Sitte der Fußwaschung ist in unsrer Zeit ein Symbol demütigen Dienens und grenzüberschreitender Akzeptanz geworden. Am Gründonnerstag 2014 wusch Papst Franziskus, der Nachfolger Petri, zwölf Behinderten in einem römischen Therapiezentrum die Füße, unter anderem einem 75 Jahre alten libyschen Muslim. Ich bewundere diese Geste des Papstes, die ihm wiederum Ärger von konservativer Seite eingebracht hat, und warte schon gespannt darauf, welche Reaktionen die Fußwaschung des Papstes am 2. April 2015 bei Gefangenen im römischen Gefängnis Rebibbia auslösen wird.
Ulrike Behr

P.S.: Übrigens dient auch eine namenlose Frau auf diesem Bild. Sie schleppt Wasser in einem Krug heran, hält sich aber am Rande. Doch blickt Jesus vielleicht mehr zu ihr als zu Petrus, der ihm den Vogel zeigt, wie man sein Tippen an die Stirn auch deuten könnte. Zu dieser Frau schaut Jesus auf. Aber sie merkt es nicht. - Na ja, die Sache mit dieser Frau steht auch nicht in der Bibel. Der Maler hat sie in künstlerischer Freiheit einfach erfunden.

Ulike Behr


Sonntag Invocavit

Bibeltext:Matthäus 4, 1-11
Bild:  Kirche Ramsla, Jesus und der Teufel in der Wüste
Foto von Helke Günther, Ramsla

Invokavit ist der erste Sonntag der Passionszeit, wie die Evangelischen sagen, oder der Fastenzeit, wie diese Zeit in der katholischen Kirche heißt. Das Evangelium dieses Sonntags ist die Geschichte von Jesu Versuchung durch den Teufel in der Wüste. Sie beginnt mit dem Hinweis, dass Jesus vierzig Tage und vierzig Nächte in der Wüste gefastet hat und mächtigen Hunger hat.
 
Der Teufel hält Jesus einen Steinbrocken hin und verlangt von ihm, er solle ihn zu Brot machen und mit diesem Wunder beweisen, dass er Gottes Sohn sei. Jesus zieht demonstrativ Hände und Arme zurück. Er lehnt entschieden ab. Die Geste erinnert gleichzeitig aber auch an die erhobenen Hände eines Wehrlosen, der zeigt, dass er keine Waffen trägt. Auch sieht es so aus, als werde Jesus vom Teufel quasi an die Wand gedrückt: Dicht hinter Jesus erhebt sich eine Steilböschung - oder ist es eine Art Erdrutsch? Es ist jedenfalls nichts, was Jesus den Rücken stärkt, sondern es sind Umstände und Hintergründe, die ihn entweder einengen bis zur Bewegungsunfähigkeit oder sogar von hinten so bedrohen, dass er dem Teufel geradezu noch in die Arme getrieben wird. Schließlich kann man die ausgebreiteten Arme und nach oben gehaltenen Handflächen Jesu in dieser ausweglosen Situation auch als Gebetshaltung deuten: Jesus bittet Gott, von ihm zu empfangen, was seinen Lebenshunger stillt. Was der Teufel gegen den Hunger anzubieten hat, einen Stein, ist untauglich.
 
Der Maler hat sich den Teufel in seiner Fantasie so schrecklich wie möglich ausgemalt mit Hörnern, Drachenflügeln, pfotenartigen Pranken und einem blutunterlaufenen Auge. Der Teufel speit Feuer. Als moderner Betrachter kann man den beinahe faschingsartigen Auftritt des Teufels als naive Spielerei abtun. Man kann diese Darstellung des Teufels auch als einen künstlerischen Versuch verstehen, das Teuflische, das nach meiner Erfahrung oft unsichtbar in Systemen und Beziehungen steckt, irgendwie zu fassen zu kriegen und in einen Leib zu bannen. Sieht komisch aus, ja, aber könnte es ernsthaft etwas bedeuten? Wenn der Teufel Flügel hat, ist er schneller als Jesus und kann aus der Vogelperspektive operieren, was Jesus nur kann, wenn er mühsam auf einen Berg steigt. Sind die Hörner auf des Teufels Kopf ein Symbol für seine durchschlagende Denkkraft? Hält er flammenden Reden, die auch Jesus nicht kalt lassen? Sieht man an seinen Pranken, wie brutal er zuschlagen kann?
 
Rätselhaft an dieser Versuchungsgeschichte ist auch, dass sie im Matthäusevangelium so erzählt wird, als sei da ein heimlicher Beobachter und Zeuge dabei gewesen. Vielleicht war es ja einer der Engel, die Jesus am Ende huldigen. Leider verrät uns der Verfasser des Matthäusevangeliums nicht, von wem er die Geschichte erfahren hat. Wir hören sie also ähnlich wie einen Krimi. Den Hörer zum Detektiv zu machen, damit ihn die Geschichte nicht in Ruhe lässt, war vielleicht die Absicht des Verfassers.

Ulrike Behr


Sonntag Sexagesimä

Bibeltext: Lukas 8,4-8
Bild:
Jesus als Sämann
Gestiftet zur Ehre Gottes von Gottlieb Haupt und Frau am Tage ihrer Goldenen Hochzeit 1912. So ist es auf dem Spruchband unter dem abgebildeten Kirchenfenster in der Großobringer Kirche zu lesen. Gemälde und Kirchenfenster sind oftmals gestiftet worden, nicht nur von Landesfürsten und adligen Familien, sondern auch von einfachen Dorfbewohnern, wie man das an der Kirche in Großobringen erkennen kann. Dass das Ehepaar Haupt sicher zu den wohlhabenden Leuten des Ortes gehörte, steht dabei außer Frage. In der Großobringer Ortschronik steht geschrieben: "Am 11. Februar feierte das Ehepaar Gottlieb Haupt und Ehefrau Amalie, geb. Querndt die Goldene Hochzeit. Die Gemeinde war daran stark beteiligt und der Kirchenchor hat dabei gesungen. Zur Nachfeier spendete das Jubelpaar den Kindern ein schönes Fest, aber auch für die Kirche ein buntes Kirchenfenster." Ich weiß nicht, ob auf die Auswahl des Motives die sehr ergiebige Ernte jenes Jahres einen Einfluss hatte, von "Reichtümern auf dem Feld" ist zu lesen. Jedenfalls verkörpert jener Jesus, der da barfüßig über die Felder und Auen schreitet, ein ländliches Idyll, wie es in den Dörfern im Norden Weimars zu finden ist. "Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf./ Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!" (Lukas 8,5+8) Auf dem Kirchenfenster ist Jesus selbst der Sämann. Er hält Samenkörner in der rechten Hand. Mit der linken Hand rafft er sein orientalisch wirkendes Gewand. Man könnte vermuten, dass er in den Falten dieses Gewandes weitere Körner vorrätig hat, so wie das bei Bauersfrauen einstmals gewesen ist. Die trugen die Samenkörner in ihrer Schürze und warfen sie vor sich her auf den Acker.
Heute noch ist Großobringen von Feldern umgeben. Doch schon lange geht niemand mehr zu Fuß über die Felder, wenn man von einigen Hundebesitzern absieht. Das Bild des Sämanns gehört der Vergangenheit an. Im Kirchenfenster von Großobringen aber wird es wach gehalten. Und wer an einem schönen sonnigen Morgen diese Kirche betritt, der bekommt eine Ahnung davon: Jener, der da sät, sät keinen Weizen oder Raps, er sät Gottes Wort. Und es gibt einige, "die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld." (Lukas 8,15)

Sabine Hertzsch

Letzte Sonntag nach Epiphanias

Bibeltext:Matthäus 17, 1-9
Bild:  Die Verklärung Jesu, Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche) Weimar

Da musste ich suchen und genau hinsehen, bis ich dieses Relief entdeckt habe.
Es befindet sich auf dem Epitaph für Herzog Johann Friedrich III in der Stadtkirche Weimar. Deutlich im Vordergrund: der den Gekreuzigten anbetende Johann Friedrich. Den Hintergrund dazu bildet allerdings diese geistliche Schlüsselszene aus dem Matthäusevangelium:
Petrus, Johannes und Jakobus sind mit Jesus auf den Berg gestiegen. Dort geht ihnen "die Sicht auf": Jesus wird "verklärt" vor ihren Augen. Sein "Angesicht leuchtet wie die Sonne, seine Kleider werden weiß wie das Licht" und mit ihm im Gespräch sind die zwei großen Repräsentanten der erwarteten göttlichen Heilszeit: Mose und Elia. Und, damit auch kein Zweifel mehr möglich ist, erklingt die Stimme Gottes über der Szene: "Dies ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören!" -  Hier im Bild als Schriftzug "HUNC AUDITE" (Hört diesen!).
Worum geht es in dieser "hintergründigen" Geschichte. Sie erzählt davon, dass unser Glaube Momente vollkommener Klarheit braucht. Was wird denn hier klar?
Die Freunde Jesus kannten die beeindruckende menschliche Seite des Wesens Jesu ganz sicher gut. Aber hier wird ihnen Christus klar, leuchtet ihnen für einen Moment die göttliche Seite seines Wesens auf. Und die ist so überwältigend, dass Petrus dem Augenblick der Klarheit Dauer verleihen möchte. "Lass uns hier Hütten bauen", bittet er. Das verstehen wir. Oft sind die Dinge für uns nicht so klar und eindeutig: "Wohin geht der Weg? Hält der Glaube, was er verspricht? Ist es richtig, sich an Jesus Christus festzuhalten und das Leben an ihm auszurichten?" Unklarheiten und Zweifel sind uns nicht fremd. In solchen Situationen ist es gut, dass wir uns der Momente der Klarheit erinnern, dass wir sie Hintergrund sein lassen für die Wechselfälle des Alltages.
Solche Momente der Klarheit, wie sie die drei auf dem Berg erleben, sind selten. Wir müssen suchen und genau hinsehen. Aber es gibt sie. Es sind die Erfahrungen, bei denen uns klar geworden ist: Christus hat die Gottesfinsternis aufgebrochen, er hat die Schuldfinsternis aufgehoben, er hat die Todesfinsternis besiegt. Das sind "Gipfelerlebnisse des Glaubens".
Wie die drei Jünger nehmen wir sie mit herunter vom Berg in die Ebenen des Alltags - mit Erfolg und Misserfolg, Höhen und Tiefen, Gelingen und Versagen. Dort bilden sie den Hintergrund zu allem, was uns vordergründig zu schaffen machen mag und erinnern daran, zu wem wir gehören.             
 
Sebastian Kircheis


1. Sonntag nach Epiphanias

Bibeltext: Matthäus 3, 13-17
Bild:  rechte Innentafel Altarbild von Veit Thym, 1572, Kirche St. Peter und Paul, Oberweimar; Foto: Marcus Victor

Ein Jude tauft einen Juden, ein Bußprediger den Gottessohn, der Ältere den Jüngern. Einer wehrt sich, einer verlangt es. Einer im Schatten, einer im Licht. Einer kniet, einer steht aufrecht. Welche Gegensätze!
Und doch sind die beiden Lebensgeschichten von Johannes dem Täufer und Jesus aus Nazareth eng miteinander verknüpft. Schon vor der jeweiligen Geburt, die von Engeln angekündigt wird, bis zum gewaltsamen Tod gibt es Schnittpunkte.
Beides hat der Maler Veit Thym auf seinem Altarbild darzustellen versucht. Kurz nach der Reformation hatte sich die Oberweimarer Gemeinde ein Schaubild, das auf dem alten Heiligenbild des Klosters gemalt wurde, in der Cranach-Werkstatt anfertigen lassen, um den Gläubigen die wichtigsten Elemente des neuen protestantischen Glaubens vor Augen zu halten: Kreuz und Auferstehung, Taufe und Abendmahl.
In seiner Darstellung der Taufe Jesu zeigt der Maler den Täufer, wie wir ihn aus den biblischen Berichten kennen. Alternativ in Felle gekleidet, mit zotteligem Bart und verwegenem Aussehen, ebenfalls gut vorstellbar, dass auch seine Essgewohnheiten merkwürdig sind. Jesus dagegen ist eher fein abgebildet, mit weißem Lendentuch, die Arme vor der Brust gekreuzt, als müsse er sich vor dem derben Gesellen schützen.
Johannes ist als Prediger in der Wüste zu erkennen, der die Menschen zur Buße und Umkehr auffordert. Zur Umkehr in ein neues Leben, das durch die Taufe im Jordan besiegelt wird, und damit vor dem drohenden Gericht schützt. Daran erinnert Veit Thym, indem der Fluss das Bild von oben nach unten durchtrennt und in zwei Hälften teilt. Schon bei der Wüstenwanderung des Volkes Israel markierte diese Stelle am Ostufer des Jordan den Übergang ins gelobte Land.
Und genau hier befindet sich Jesus. Er steht für diese mögliche Lebenswende ein. Er ermöglicht den Zugang zum gelobten Land. Da mag sich Johannes noch so zieren. Er muss es geschehen lassen und sich dem Willen des anderen beugen. Denn durch seine Taufe wird der junge Mann aus Nazareth als Gottesssohn erkennbar. "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." Damit beginnt etwas vollkommen Neues. Damit wird Heil möglich. Damit öffnet sich die jüdische Religion über ihre bisherigen Grenzen hinaus. Leben im Schatten Gottes, mit seinem Geist, wird allen Menschen zugesagt, die an diesen Gottesssohn glauben und sich wie er taufen lassen. Die Hand des Getauften zeigt ins gelobte Land.

Marcus Victor


Tag der Erscheinung des Herrn

Bibeltext: Matthäus 2, 1 - 12
Bild:  Anbetung der Weisen aus dem Morgenland - Kirche unserer lieben Frauen zu Erfurt-Linderbach, Altarflügel aus dem späten 15. Jahrhundert, Schnitzwerk aus der obersächsischen Schule

Auf dem Altarflügel, der heute separat in der Linderbacher Kirche "Unserer lieben Frauen" hängt, sind zu sehen: Drei Könige, Maria und Joseph, das Jesuskind natürlich sowie Ochse und Esel.
Einige der Legenden um die Waisen aus dem Morgenland begegnen uns in diesem Schnitzwerk:
Die erste Legende besagt, dass es Könige waren. Das Matthäusevangelium nennt sie Magier. Persische Priester und Sternenkundige werden es wohl ursprünglich gewesen sein. Erst im Laufe der Jahrhunderte und durch die Deutung mit Hilfe des Alten Testamentes ( bes. Ps 72,10) wurden aus den Weisen Könige. Und damit - und das ist die 2. Legende - auch Vertreter der damals bekannten Erdteile: Europa, Asien, Afrika. Welcher der drei Könige hier für Europa und welcher für Asien steht wird uns heute nicht mehr deutlich, aber klar und deutlich Caspar, der dunkle, steht für Afrika. Und zugleich symbolisieren sie auf diesem Bild (die 3. Legende) auch drei Lebensalter: Caspar steht für die Jugend, Balthasar für das Erwachsenenalter und Melchior für das Alter. Wir können deutlich erkennen: den fast bartlosen Jüngling, den Mann in den besten Jahren mit dem dunklen Bart und den Greis mit dem grauen Bart, der vor dem Kind kniet. Auch die Zahl drei ist eine Legende hergeleitet aus den Geschenken: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Da kommen sie also, diese drei auf dem Bild hier und bringen erst einmal einiges durcheinander: Josef im Hintergrund fasst sich an den Kopf, 'Das kann doch nicht wahr sein!', denkt er sich, wo bin ich hier nur hingeraten. Oder vielleicht: 'Wie soll ich die nur bewirten und unterbringen?'
Aber darum geht es ja gar nicht, es spielt auch in den Legenden und erst recht in der Bibel keine Rolle. Aber so sind wir eben oft: wir machen uns Gedanken, die überhaupt nicht nötigt sind wir hängen in den vertrauten Rollen und Mustern und können nicht loslassen - wie Josef.
Maria und das Kind sind dagegen ganz präsent, sind ganz da in dieser Szene - Maria vielleicht schon ein bisschen entrückt - das Jesuskind jedoch streckt seine Ärmchen nach dem Gold aus.
Nein, das ist kein Symbol dafür, dass die Kirche zuerst nach dem Geld schielt. Es ist ein Zeichen, dass dieses Kind ganz menschlich ist - wo es doch so schön glitzert und glänzt das Gold!
Zugleich aber blickt es dem alten Mann, der da vor ihm kniet in die Augen. Und der, Greis und König, Gelehrter und Herrscher legt sein Krone vor ihm ab und kniet, wie man sonst nur vor einem mächtigeren kniet
auch der zweite, etwas jüngere - Balthasar - nimmt die Krone ab und verbeugt sich.
Der dritte jedoch - Caspar - setzt zu einem Tanz an, die Hand mit dem Weihrauch über den Kopf erhoben, tänzeln die Füße vor dem Kind.
Ein junger, kräftiger Mann in Harnisch und Rüstung beginnt zu tanzen, wenn er dem Christuskind begegnet! Ein Kriegsmann in Rüstung tanzt sonst nicht, aber hier hält ihn die Rüstung, hält ihn die Etikette nicht zurück.
Die Weisen Männer, die Könige aus der ganzen Welt, die Menschen - und vor allem Männer - jeden Alters kommen zum Kind in der Krippe und legen die Symbole ihrer Macht, ihrer Weisheit, ihrer Stärke ab
und in den Geschenken legen sie symbolisch auch ihren Reichtum ab - Gold für den Glanz und das Geld, Myrrhe für die Heilkunst und Weihrauch, das Zeichen des Priestertums, der Gottesverehrung, all das legen sie vor das Kind, legen sie damit vor Gott selbst. Denn menschliche Macht und Stärke, Reichtum und Einfluss, menschliche Heilkunst und auch unsere Versuche uns Gott zu nähern - wir brauchen sie nicht vor diesem Kind. In ihm setzt Gott Zeichen einer anderen Macht, eines anderen Reichtums, einer anderen Nähe, die uns heil macht an Leib und Seele.
Die Anbetung der Weisen aus dem Morgenland steht also dafür, dass Gott die Werte umkehrt, dass bei ihm andere Maßstäbe gelten, dass er die Starken schwach macht und die Schwäche zur Stärke, dass er Reichtum entwertet und einen ganz anders gearteten Reichtum bringt, dass Weisheit bei ihm zu einer Torheit wird und Toren bei ihm als Weise gelten. Jesus hat das die Menschen auch später immer wieder spüren lassen, hat ihnen von Gottes neuer Welt erzählt und seine Liebe spüren lassen, die anders liebt als wir Menschen das so oft tun. Vielleicht ist Josef ja auch deswegen ganz durcheinander, weil er das noch nicht fassen kann - viel weniger noch als Maria, durch die dieses Kind ja zur Welt gekommen ist.

Ulrich Hayner



2. Sonntag nach dem Christfest

Bibeltext: Lukas 2, 41-52
Bild: Emporenbild St.Wigbertikirche Niederzimmern 1. Hälfte des 17. Jhd. Foto: Konrad Behr

Die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel ist die einzige Erzählung im Neuen Testament über die Kindheit und Jugend Jesu. Entsprechend der Sitte ziehen die Eltern von Jesus zum Passafest nach Jerusalem. Auf der Heimreise bemerken Maria und Josef, dass ihr Sohn fehlt. Da er auch bei den Bekannten und Verwandten nicht zu finden ist, müssen sie nach Jerusalem zurückkehren und suchen dort weiter. Auch dort in Jerusalem suchen sie drei Tage lang, bevor sie Jesus im Tempel finden. Und nun setzt dieser Dialog ein:
Maria sagt: "Mein Sohn, warum hast du das getan? Siehe dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht."
Ein völlig verständlicher Gefühlsausbruch der Mutter, die sich zwar freut, den Sohn wieder gefunden zu haben, aber sich diesen Vorwurf nicht verkneifen kann.
Jesus antwortet: "Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"
Gelungene Kommunikation sieht anders aus. Oder, so reagieren halt Pubertierende auf ihre Umwelt, da muss man nicht alles verstehen.
Maria und Jesus reden aneinander vorbei. Maria gibt ihrer Angst um Jesus Ausdruck. Jesus spricht von seiner Berufung. Trotzdem kommt es nicht zum Eklat. Jesus zieht mit nach Nazareth. Er muss noch wachsen an Gestalt und Weisheit.
Unser Bild sagt nichts von diesem Konflikt. Es stellt Jesus schon als den Redner und Gelehrten dar, der er erst noch werden muss. Er sitzt nicht wie im lukanischen Text, sondern steht am Pult und lehrt die Anderen. Nur die knabenhafte Gestalt erinnert an den Zwölfjährigen. Auch entgegen dem Text stehen Maria und Josef und lauschen dem, was ihr Sohn da vorträgt.

Thomas Behr


1. Sonntag nach dem Christfest

Bibeltext: Lukas 2, (22-24) 25-38 (39-40)
Bild: Emporenbild St. Wigbertikirche Niederzimmern; Foto: Konrad Behr

Maria, Josef, das Kind sie gehen zum Tempel, wie es Sitte, Gesetz ist.
40 Tage nach der Geburt gilt die Mutter nach jüdischem Gesetz als rein im kultischen Sinne. Da Jesus der Erstgeborene ist, gilt er eigentlich als Gott geweiht, der seinen Platz im Tempel hat.
Seitdem die Leviten aber die Priesterdienste geweiht sind, wird der Erstgeborene ausgelöst, weil nicht mehr notwendig zum Dienst Gottes. Dazu bringt man Opfer dar.
Maria und Josef sind arme Leute. Sie können kein einjähriges Lamm zum Opfer darbringen, sondern nur das Armenopfer, ein Paar Turteltauben. Josef hält sie in den Händen.
Hinein in diese Szene treten nun Simeon und Hannah.
Man muss sich das mal vorstellen. Da kommen "alte" Leute auf die Familie zu, und Simeon nimmt Jesus auf den Arm und beginnt seine Prophetie.
Sicher waren Maria und Josef erschrocken, was passiert da mit uns.
Und die Worte, die Simeon spricht haben es ja in sich.
Jesus wird als der Heiland bezeichnet.
Er soll also etwas ganz besonderes werden, ein von Gott Auserwählter.
Sicher, Maria und Josef haben eine Vorgeschichte. Da ist schon einiges nicht so gelaufen, wie man sich den Start in das Familienglück vorstellt.
Maria war schwanger und Joseph wusste nicht von wem.
Dann wird da von einem Engel erzählt, der das Kind Marias als Sohn Gottes bezeichnet. Dann kommen die Hirten und Weisen und beten das Kind an.
Sicher waren Maria und Josef froh, als endlich der Alltag beginnt. Nun werden sie wieder damit konfrontiert. Gott hat großes mit Jesus vor.
Mich bewegt an dieser Szene besonders, die Begegnung des "alten" Simeon mit dem Neugeborenen.
Der eine wartet auf den Tod - der andere auf Leben. Simeon, ein mit Würde, ausgefüllter alter Mann steht vor dem Sterben.
Seine letzte große Freude liegt in der Betrachtung dieses Kindes - dem Heiland der Welt.
Nun kann er im Frieden fahren, sterben.
Wenn dieser Mann so spricht, dann hat für mich der Tod seinen Schrecken verloren.

Thomas Behr


2. Christtag

Bibeltext: Johannes 1, 1-5 (6-8) 9-14
Bild: Geburt Jesu, Detail aus dem Epitaph für Herzogin Dorothea Susanna von der Pfalz (gest. 1592) und ihrer zwei Töchter, Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche) Weimar

Von Verletzungen, die bleiben und Wahrheiten, die man nicht zerstören kann.

Das Relief aus der Weimarer Herderkirche führt uns in den weihnachtlichen Stall von Bethlehem. Wir sehen kniend Maria. Joseph beugt sich schützend über das Kind in der Krippe. Sogar ein kleiner Engel will schützend bei dem Kind wachen. Ochs und Esel stehen da und links im Hintergrund fällt unser Blick auf das Hirtenfeld. Da verkündet der Engel den Weihnachtsfrieden. Wer genau hinsieht, findet den Stern über dem Stall und das Stroh in der Krippe. Aber die Darstellung verstört mich. Wir sehen alles und doch nicht. Maria und Joseph, der kleine Engel an der Krippe der Ochse und sogar das kleine Kind sind verletzt. Es zeigen sich Spuren der Zerstörung. Freilich kann bei einem Kunstwerk aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert mal eine Ecke fehlen. Ein Kratzer oder ein Sprung wären nicht verwunderlich nach so vielen Jahren. Auch größere Verletzungen des Kunstwerkes ließen sich durch die Kriegszerstörung erklären. Aber hier fehlt bei allen Figuren nur eines, der Kopf. Das kann kein Zufall sein denke ich. Einer hat ihnen die Köpfe abgeschlagen. Gewaltsame Zerstörung, zielgerichtet und finster. Wie ein Illustration zum Predigttext für den 2. Christtag aus Johannes 1 denke ich und lese: "Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat`s nicht ergriffen." Und "Er kam in sein Eigentum und die seinen nahmen ihn nicht auf." Ich muss an die vielen denken, die keine Aufnahme finden. Dass immer noch Menschen enthauptet werden, ist nicht auszuhalten. Ich denke an Menschen, die Gewalt erleiden, auch in diesen Weihnachtstagen. Unser zerstörtes Relief wird zu einem Gleichnis für Zerstörung und Gewalt, ein Dunkel gegen das es das weihnachtliche Licht schwer hat.
Und doch, obwohl einer das Bild so gewaltsam zerstören wollte, gelungen ist es ihm nicht. Worum es geht, kann ich gut erkennen. Ich sehe den Engel mit der Friedensbotschaft immer noch. Ich sehe trotzdem die Eltern und die Hirten. Wie durch die Zerstörung hindurch sehe ich das Kind in der Krippe liegen. Und ich lese das Wort, das in Ewigkeit bleibt: "Das Wort war Mensch und wir sahen sein Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeboren Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit." Durch Zerstörung hindurch bleibt diese Botschaft klar und erkennbar.
Es gibt Verletzungen, die bleiben und Wahrheiten, die man nicht zerstören kann.
Unser Relief zeigt ein Detail aus dem Epitaph der Weimarer Herzogin Dorothea Susanna. Ein Epitaph ist ein Grabdenkmal. Die Herzogin starb 1592. Die Darstellung der Herzogin und ihrer Töchter wird eingerahmt von Säulen und zwei Seitenflügeln. Die Seitenflügel enthalten vier Alabastertafeln, von denen die beiden oberen die Verkündigung und die Geburt Jesu und die unteren die Erhöhung der ehernen Schlange und die Taufe Jesu abbilden. Allen vier Darstellungen fehlen die Köpfe. Das Epitaph wurde 2014 restauriert.

Henrich Herbst


1. Christtag

Bibeltext: Lukas 2, 1-20
Bild: Bildausschnitt "Verkündigung an die Hirten" aus dem Altarbild der Stadtkirche St. Peter und Paul (Herderkirche) in Weimar von Lucas Cranach. Foto: Constantin Beyer


Der weihnachtliche Dativ

Grammatik und dieser schöne Bildausschnitt der Verkündigung der Engel an die Hirten, wie passt das zusammen? Das lässt sich leicht zeigen, wenn wir die Weihnachtsgeschichte kurz durchdeklinieren. Wir stellen die Nominativfrage:
Wer ist geboren? Jesus soll der Name sein, so hatte Gabriel der Maria die Entscheidung Gottes mitgeteilt: Jesus - das bedeutet: Gott hilft, Gott rettet. In dem neugeborenen Jesus begegnet uns die Hilfe Gottes. Das macht der Engel deutlich, indem er ruft: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr.
Fragen wir weiter nach dem Genitiv, dem Fall der Herkunft und des Ursprunges.
Wessen Kind ist denn das? Nach dem Zeugnis der Schrift ist Jesus nicht Josefs, sondern Gottes und Mariens Sohn. Und wenn wir mit dieser Aussage behutsam umgehen, geht uns zumindest auf, dass der Genitiv der Weihnachtsgrammatik ein ziemlich geheimnisvoller Genitiv ist, der einen nicht so leicht wieder los lässt. Und dabei sind wir noch nicht mal beim wichtigsten Fall der weihnachtlichen Grammatik:
Das ist nämlich der Dativ, der "Gebefall":
Wenn wir mit dem 3. Fall in die Weihnachtsgeschichte hineinfragen, wird es spannend: Wem wird die Christgeburt verkündet, wem wird göttliche Rettung, Hilfe, Freude zugesagt? Der
Dativ ist nicht zu überhören: Siehe, ich verkündige euch große Freude. Euch ist heute der Heiland geboren. Wem wird das zugerufen?
Den Hirten - sonst gering geachtet, Lumpengehudel vom Lande, Asoziale und Kriminelle - das sind die Empfänger des ersten Weihnachtsgeschenkes. Aber sie sind nicht die einzigen: Der Engel spricht von der Freude, die "allem Volk" widerfahren wird, nicht nur dem jüdischen, nicht nur den guten Christen und fleißigen Kirchgängern, nein, allem Volk, der ganzen Menschheit und davon wieder jedem einzelnen. Ist das zu fassen?
Manfred Hausmann hat ein Gespräch der Hirten aufgezeichnet, in dem er die Bedeutung des weihnachtlichen Dativs so beschreibt:
"Der Herr des Himmels und der Erde wird ein Kind. Das Licht der Welt liegt in einem dunklen Stall. Die Allmacht verkehrt sich in Hilflosigkeit. Der, der die Welt erretten will, wird von einer Menschenmutter gewiegt. Der Überwinder des Todes bekleidet sich mit Sterblichkeit. Und uns, die wir keine Würde haben und keine Hoheit, uns geschieht die Botschaft vor allen anderen."
Der "weihnachtliche Dativ": Es fällt nicht immer leicht, ihn in die unterschiedlichen Lebenssituationen hinein zu deklinieren. Vielleicht hilft dabei noch die Frage nach dem
Akkusativ: Grammatikalisch gesehen stehen alle Menschen vor Gott im Akkusativ (accuso - ich klage an), im Anklagefall: Denn ohne Christus stehen wir vor Gott als Angeklagte: Anklagepunkte sind unsere Gottvergessenheit, die Lieblosigkeiten, die Versäumnisse gegen Gott und gegen unsere Mitmenschen, unsere Trägheit und unser Egoismus. Das Geheimnis von Weihnachten besteht darin, dass Gott den Menschen nicht im Akkusativ stehen lässt, nicht durch Gericht zur Verurteilung bringen will, sondern uns aus dem Akkusativ in den Dativ versetzt, aus Angeklagten Beschenkte macht.
Den "weihnachtlichen Dativ" - Lukas Cranach hat ihn ins Bild gesetzt und wenn ich es anschaue, stehe ich auch als Beschenkter mit unter den Hirten.
 
Sebastian Kircheis

 

Heiligabend

Bibeltext: Lukas 2, 1-7
Bild: Emporenbild St.Wigbertikirche Niederzimmern 1. Hälfte des 17. Jhd. Foto: Konrad Behr

Es ist eine besondere Darstellung der Geburt Jesu, die der unbekannte Maler sich da als Vorbild genommen hat. Wir sehen keinen Stall, es scheint als ob Maria, Josef und Jesus auf dem freien Feld wären. Zwar erinnert die Krippe an den Stall; auch den beiden Tieren, die man nicht so genau identifizieren kann, wird breiter Raum auf dem Bild gegeben. Was mir aber nach längerem hinschauen aufgefallen ist: Josef schaut ganz entrückt in das Licht am Himmel. Sind es die Engel, die den Hirten die frohe Botschaft verkünden oder doch der Stern, der den Königen den Weg nach Bethlehem zeigt?
Maria schaut andächtig. Es ist nicht auszumachen, ob ihr Blick auf dem Kind ruht oder aber ob sie die Augen geschlossen hat. Das Kind, Jesus, liegt in seiner Krippe und es scheint so, also ob es dem Betrachter mit seinem Arm zuwinkt. Hallo hier bin ich, schau genau hin.
Auf jedem Fall strahlt die Szene Ruhe aus. Die Geburt ist geschafft und es herrscht noch mal Ruhe vor dem großen Trubel. Dann kommen die Hirten, dann die Könige und irgendwann ist auch die Flucht nach Ägypten. Aber dies ist alles Zukunft. In dem Moment scheint es, als ob Maria und Josef das Geschehene bearbeiten, verarbeiten: Josef mit seinem Blick in die Weite, Maria mit ihren andächtig gefalteten Händen. Der Augenblick der Ruhe, der Freude über das neugeborene Kind. Jeder, der ein neugeborenes Kind zum ersten Mal sieht und es betrachten muss, kennt dieses Gefühl. Was für ein Wunder! So klein, so schutzlos und doch in seiner ganz eigenen Art. Nur der Heiligenschein und die Krippen holen uns aus der Erinnerung zurück: Hier ist der Heiland der Welt geboren.

Thomas Behr


4. Advent

Bibeltext: Lukas 1, 39-56 (Magnificat) 
Bild: Die Marienplastik befindet sich im Vorraum der Ev-Luth. Stadtkirche St. Marien zu Bad Berka.Sie wurde von dem Bildhauer Klaus Dieter Locke aus der ausgetretenen Türschwelle des Kirchenportales im Sommer 1989 geschaffen.

Nach einiger Zeit hatte Maria auch ohne Schwangerschaftstest gemerkt, dass sie schwanger ist. Daraufhin machte sie sich auf den Weg zu Ihrer Cousine in die judäischen Berge.
Nach einer beschwerlichen Wanderung erreichte sie die Villa von Zacharias und Elisabeth. Auch Elisabeth war schwanger. Die Frauen fielen sich in die Arme und Maria grüßte Elli mit "Schalom". Davon war Elisabeths Kind so entzückt, dass es Saltos machte. Elisabeth spürte den Heiligen Geist in sich und rief: Du bist einzigartig und dein Kind ist unübertroffen. Ich bin total happy, dass du mich besuchst; aber womit habe ich das verdient? Als du mich begrüßt hast, drehte mein Kind voll durch. Es ist mega cool, dass du Gott vertraut hast. Denn was Gott anfängt bringt er auch zu Ende.
Maria sang mit einer Stimme, die jede Castingshow getoppt hätte: "Die Hände zum Himmel und lasst uns fröhlich sein." - Gott ist spektakulär.
Obwohl ich ein unbedeutendes Mauerblümchen bin, erblühe ich durch Gott zur Rose. Von nun an werden mich alle Generationen anhimmeln. Denn Gott hat mich neu designt, weil er es kann. Alle seine Fans werden große Abenteuer erleben. Er stellt die üblichen Verhältnisse auf den Kopf. Er spielt nicht Diener für die reichen Schmarotzer, sondern sorgt für die, die es nötig haben.

Gott bleibt sich treu und vergisst nicht, was er versprochen hat.

Maria schloss mit einem dreifachen Halleluja und blieb noch ein paar Monate bei Elisabeth.

Nacherzählt von der Jungen Gemeinde in Bad Berka

 3. Advent

Bibeltext: Matthäus 11,2-7
Bild: Johannes der Täufer, Holzrelief im Altarraum der Johanneskirche in Weimar (Friedrich Popp, 1981)

"Gefangen - und doch nicht total abgeschlossen und ausgeschlossen. Ein Suchender, ein Fragender, einer, der trotz ausweglos scheinender Lage nicht in Verzweiflung versinkt. Ein Mensch zwischen Hoffnung und Zweifel, aber wohl der Hoffnung näher als der Verzweiflung." So die spontanen Äußerungen in einem Gesprächskreis zu diesem Bild.
Johannes, der wortgewaltige Prophet und Mann der klaren Rede, hatte zu Beginn des Weges Jesu bezeugt: "Dieser ist der Sohn Gottes". Nun, im Gefängnis, kriechen die Zweifel in ihm hoch. Habe ich mich getäuscht? Habe ich mein Vertrauen in den falschen gesetzt? Geht mein Glaube ins Leere?
Johannes tritt nicht aus der Kirche aus. Er bringt seine Zweifel an die richtige Adresse, nämlich an den, der ihn zweifeln lässt.
Seine Schüler fragen: "Bist du´s oder bist du´s nicht." Kurz und klar. Die alles entscheidende Frage: Hält Gott die Welt in der Hand oder nicht, kriege ich Vergebung geschenkt oder nicht, sehe ich meine verstorbenen Lieben wieder oder nicht, erwartet mich am Ende das große Freudenfest oder das Nichts?
Jesus sagt weder ja noch nein. Die Boten sollen erzählen, was sie hören und sehen: Da tat sich wirklich was im Machtbereich Jesu: Blinden gehen die Augen auf, Gelähmte laufen wieder… sogar Tote stehen wieder auf. Die Boten konnten dem Johannes einiges berichten. So bekommt wohl auch seine Situation als Gefangener trotz objektiver Aussichtslosigkeit eine neue Perspektive. Man sieht es an der offenen Stelle im Gitter auf dem Bild. Und an den Augen des Johannes.
Und wir? Was erzählen wir Menschen, die gefangen sind zwischen Verzweiflung und Hoffnung? Oder: was wird uns erzählt, was die Perspektive der Hoffnung stärkt, wenn die Frage in uns hochkriecht: Bist du´s oder bist du´s nicht?
Johannes im Gefängnis mahnt, die Sache nicht mit uns selbst auszumachen. Wir können wie er auf die Boten hören, die erzählen, was zu sehen und zu hören ist: Die Zeichen der großen und berühmten Zeugen des Evangeliums wahrnehmen: Franz von Assissi und Martin Luther, Johann Sebastian Bach und Johann Hinrich Wichern, Johannes Falk und Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer und Paul Schneider, Martin Luther King und Nelson Mandela, die beiden syrischen Bischöfe, die den Weimarer Menschenrechtspreis erhielten und von denen man nicht weiß, ob sie noch leben.
Und die vielen Zeichen der kleinen und unbekannten Zeugen des Evangeliums aufmerksam beachten: Mütter und Väter, Großeltern und Paten, alle Menschen, an denen erkennbar wird: Die Hoffnung siegt, weil sie einen Namen und ein Gesicht hat: Jesus Christus.

Sebastian Kircheis

 

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2. Advent

Bibeltext: Lukas 21,25-33

Das Kommen des Menschensohns und vom Feigenbaum

"Was dir auch immer begegnet mitten im Abgrund der Welt:
Es ist die Hand, die dich segnet, es ist der Arm, der dich hält.
Es ist kein Grauen so mächtig, es ist kein Fürchten so bang,
kein Trachten so niederträchtig: Lebt einer, der es bezwang.
Ob sich dein Liebstes verflüchtigt, dein Festestes splittert und stiebt:
Gedulde dem, der dich züchtigt, der heimsucht, weil er dich liebt.
Mitten im Höllentoben, da keiner keinem frommt: Es ist der Vater droben.
Es ist sein Reich, das kommt."

(Rudolf Alexander Schröder)
 

1. Advent

Bibeltext: Matthäus 21, 1-9
Bild: Emporenbild St. Wigbertikirche Niederzimmern
1. Hälfte des 17. Jhd.

 Jesu Einzug in Jerusalem wird auf diesem Emporenbild in der St.Wigbertikirche in Niederzimmern als Einzug eines Königs gedeutet. Zwar trägt er keine Königskrone, wohl aber erinnert der rote Umhang an das Purpur der Herrschenden und der Segensgestus seiner Hand an das besondere seiner Person.

Sagt der Tochter Zion, also Jerusalem, siehe dein König kommt! Und wie Jesus kommt ist erstaunlich. Der König reitet auf einem Esel.
Der Prophet Sacharja sagte dies schon gut 500 Jahre vorher voraus: Siehe dein König kommt zu dir ... und reitet auf einem Esel.
Ein König reitet auf einem Esel. Das ist außergewöhnlich. Schon seit dem König Salomo waren Pferde die rechten Zeichen der Königswürde. Der Esel ist zum Lasten tragen da.
Die Jünger ziehen mit Jesus ein. Sie sind jedoch nicht mit einem Heiligenschein gekennzeichnet wie auf vielen anderen Bildern.
Der Einzug Jesu ist ohne Macht und Gewalt. Da sind keine Heerscharen von Engeln, keine Erscheinungen, dass nun die Zeit erfüllet ist, sondern dieser Jesus, der oft wiedersinniges gemacht hat, er reitet auf dem Esel.
Die Menschen am Wegesrand rufen "Hosianna"! Was in unseren Ohren wie ein Jubelschrei klingt; es ist ein Schrei um Hilfe. Es ist der Verzweiflungsschrei aus einem der Passahpsalmen: Oh Herr, hilf doch! Oh Herr, lass wohl gelingen!
Sie warten auf die Ankunft des Messias, der endlich Gottes Reich anbrechen lassen soll. Aber Jesus erfüllt diesen Anspruch anders als es die Menschen am Wegesrand sich vorstellen können. Jesus selbst zeigt durch sein Auftreten das Reich Gottes, indem er eben gerade ohne Macht und Gewalt, aber mit Erbarmen und Sanftmut den Menschen begegnet. Ihm geht es um Barmherzigkeit und Liebe, die uns den Zugang zu Gott eröffnet.

 




 

 


 

Gemeindesuche


 

Reformationsjubiläum

zum Artikel: Herder-Förderpreis: Glaube und Erfahrung. Christlicher Glaube ist erfahrbar

 

Aktuelles

 

Jun 5 Dialog der Konfessionen - Bischof Julius Pflug und die Reformation
Zeitz, Mo. 05.06.17
bis 01.11.17
Sep 22 „Ehrfurcht vor dem Leben – Martin Luther – Albert Schweitzer – Bekenntnisse für das Leben“
Weimar, Fr. 22.09.17
bis 24.09.17
Sep 22 „Ehrfurcht vor dem Leben – Martin Luther – Albert Schweitzer – Bekenntnisse für das Leben“
Weimar, Fr. 22.09.17
bis 24.09.17
Sep 23 KulturZeit in St. Ursula
Taubach, Sa. 23.09.17
17:00 Uhr
Sep 23 JUBILÄUMSKONZERT ZUM 50-JÄHR. BESTEHEN
Weimar, Sa. 23.09.17
17:00 Uhr

 

Losung & Lehrtext

23.09.2017
Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? In seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Psalm 8,5 Epheser 1,4-6

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